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Restrukturierungskosten im internationalen Vergleich: Deutschland zahlt 31 Monatsgehälter, Dänemark 3

31 Monatsgehälter pro entlassener Person in Deutschland. 3,3 in Dänemark. 7 in den USA. Diese Zahlen sind keine Schätzungen, sondern aus 250 Jahresberichten börsennotierter Unternehmen berechnet. Was sie über Europas Innovationsfähigkeit aussagen, ist unbequem.

Restrukturierungskosten im internationalen Vergleich und die Rolle des TransFair Navigator für Restrukturierungskosten.

Als ChatGPT im November 2022 erschien, reagierte die US-amerikanische Tech-Branche schnell und entschlossen. Meta beschloss innerhalb von drei Wochen, die strategische Ausrichtung vom Metaverse zur KI zu wechseln. 20.000 Stellen wurden in sechs Monaten abgebaut, 10.000 KI-Spezialisten neu eingestellt. Die Restrukturierungskosten pro betroffener Person: vier Monatsgehälter. Insgesamt hat die US-Tech-Branche 2023 rund 190.000 Stellen abgebaut und sich dabei gleichzeitig neu erfunden. In einem Jahr.

SAP hat die Restrukturierung, die im selben Jahr angekündigt wurde, bis heute nicht abgeschlossen.

Das ist kein Managementproblem. Es ist ein Strukturproblem. Und es lässt sich mit einer einzigen Kennzahl beschreiben: den Restrukturierungskosten pro entlassener Person, gemessen in Monatsgehältern.

Was bedeutet „Monatsgehälter“ als Kostenkennzahl?

Um Missverständnissen vorzubeugen: Die Einheit „Monatsgehälter“ beschreibt keine Dauer, sondern Kosten. Sie gibt an, wie viele Bruttomonatsgehälter ein Unternehmen im Durchschnitt aufwenden muss, um eine Person zu entlassen. Dazu gehören Abfindungen, Sozialplan-Leistungen, Rechtskosten, Outplacement und alle weiteren direkt mit der Trennung verbundenen Kosten. Diese Kennzahl ermöglicht erstmals einen sauberen internationalen Vergleich, weil unterschiedliche Lohnniveaus zu Grunde liegen.

Restrukturierungskosten im internationalen Vergleich auf einen Blick

  • Deutschland: durchschnittlich 31 Monatsgehälter Restrukturierungskosten pro entlassener Person.

  • Dänemark: 3,3 Monatsgehälter, Schweiz: 2,5, USA: 7, Frankreich: 38, Italien: 49.

  • Datenbasis: 250 Jahresberichte börsennotierter Unternehmen aus 10 Ländern (Coste & Coatanlem, Bocconi 2025 / ifo 2026).

  • Infineon 2024: 50 Monatsgehälter pro Stelle. ThyssenKrupp 2024: 36 Monatsgehälter.

  • Der Unterschied ist kein Kultur- oder Industrieproblem. Er ist ein Rechtsproblem.

  • Das dänische Flexicurity-Modell zeigt: hoher Sozialschutz und niedrige Restrukturierungskosten schließen sich nicht aus.

Die Datenbasis: Erstmals systematisch gemessen

Die Zahlen in diesem Beitrag stammen aus einer Untersuchung von Oliver Coste (LinkedIn-Profil: https://www.linkedin.com/in/olivercoste/) und dem Ökonomen Yann Coatanlem. Coste war industriepolitischer Berater des französischen Premierministers Lionel Jospin, arbeitete danach als Manager bei Alcatel und Atos und ist seit 2014 Tech-Unternehmer in New York. Die Studie basiert auf drei Zahlen pro Unternehmen aus dem Geschäftsbericht: Gesamtkosten der Restrukturierung, Anzahl betroffener Mitarbeitender und durchschnittliches Jahresgehalt. Daraus ergibt sich die Kennzahl Monatsgehälter pro entlassener Person.

Die Ergebnisse wurden an der Bocconi Universität Mailand (November 2025), der HEC Paris, dem ifo Institut München (ifo Schnelldienst 1/2026) und dem LEF Berlin veröffentlicht. Die Datenbasis umfasst 250 Jahresberichte börsennotierter Unternehmen aus zehn Ländern.

Coste betont: Diese Zahlen existierten bisher nirgendwo systematisch. Kein Wirtschaftsinstitut, keine Behörde, kein internationaler Vergleich hatte sie zuvor erhoben. Intern sind sie in jedem Finanzvorstand und jeder Personalabteilung bekannt, nach außen jedoch streng vertraulich behandelt worden.

Die Zahlen: Internationaler Vergleich

LandKosten in MonatsgehälternModell
Schweiz2,5Flexicurity-ähnlich
Dänemark3,3Flexicurity
USA7Liberales Modell
Großbritannien18Starres Modell
Niederlande31Starres Modell
Deutschland31Starres Modell
Frankreich38Starres Modell
Italien49Starres Modell

Quelle: Coste & Coatanlem, Bocconi Universität Mailand, November 2025; ifo Schnelldienst, Nr. 1/2026; SEC-Jahresberichte 2022–2024; fesdi.org

Der Vallourec-Beweis: Gleiches Unternehmen, völlig unterschiedliche Kosten

Der methodisch sauberste Beweis dafür, dass die Kostenunterschiede auf das Rechtssystem und nicht auf Branchen-, Unternehmens- oder Managementfaktoren zurückzuführen sind, liefert der Fall Vallourec. Der französische Stahlrohrhersteller führte 2020 denselben Restrukturierungsplan gleichzeitig in mehreren Ländern durch. Gleiches Unternehmen, gleiche Branche, gleicher Plan, gleicher Zeitpunkt. Das Ergebnis: 2,3 Monatsgehälter in den USA, 39 in Deutschland, 38 in Frankreich. Der einzige variable Faktor war das nationale Arbeitsrecht.

Konkrete Unternehmensbeispiele aus Deutschland

Coste und Coatanlem haben 23 börsennotierte Unternehmen untersucht, die zwischen 2023 und 2024 große Restrukturierungspläne in Deutschland durchgeführt haben. Das Muster ist konsistent:

  • Infineon Technologies, 2024: 500 Entlassungen, 140 Millionen Euro Gesamtkosten. Das entspricht 280.000 Euro pro Mitarbeitendem bei einem Durchschnittsgehalt von 67.000 Euro jährlich: 50 Monatsgehälter.
  • ThyssenKrupp, 2024: 1.591 Entlassungen, 281 Millionen Euro. Das entspricht 177.000 Euro pro Mitarbeitendem bei einem Jahresgehalt von 58.000 Euro: 36 Monatsgehälter.
  • Forvia Hella: 53 Monatsgehälter.
  • Goodyear Deutschland: 33 Monatsgehälter.

Zwei Europa: Das starre und das flexible Modell

Die Daten zeigen eine klare Zweiteilung innerhalb Europas, die nicht geografisch verläuft, sondern rechtlich.

Das Flexicurity-Modell: Dänemark, Schweden, Schweiz

Dänemark ist politisch links von Deutschland: 80 Prozent der Arbeitnehmenden sind gewerkschaftlich organisiert, das Arbeitslosengeld erreicht bis zu 90 Prozent des letzten Gehalts. Und trotzdem betragen die Restrukturierungskosten laut Costes Analyse nur 3,3 Monatsgehälter. Novo Nordisk hat mehrfach restrukturiert mit nahezu null deklarierten Kosten in den Jahresberichten.

Das Prinzip dahinter hat der schwedisch-ökonomische Vordenker Gösta Rehn bereits in den 1950er Jahren formuliert: Er unterschied zwischen „Sicherheit der Flügel“ und „Sicherheit der Schale“. Die Schale schützt eine bestimmte Position. Die Flügel ermöglichen, im Falle des Verlustes schnell neu zu starten. Das ist das Prinzip, auf dem Dänemark seit den Reformen von 1994 und 1996 seinen Arbeitsmarkt aufgebaut hat.

Das dänische goldene Dreieck des Flexicurity-Modells kombiniert drei Elemente: einen flexiblen Arbeitsmarkt mit niedrigen Entlassungskosten, eine großzügige Arbeitslosenversicherung sowie intensive aktive Arbeitsmarktpolitik mit Weiterbildung und Vermittlung. Unternehmen können schnell und kostenarm restrukturieren. Im Gegenzug finanziert der Staat würdige und aktiv begleitete Übergänge.

Coste weist ausdrücklich darauf hin: Das ist kein liberales Modell. Es ist ein Modell, das eine fundamentale Wahrheit verstanden hat. Sicherheit entsteht nicht durch das Einfrieren von Stellen. Sie entsteht durch schnelle, würdige und finanzierte Übergänge.

Das starre Modell: Deutschland, Frankreich, Italien

Das deutsche Arbeitsrecht schützt Positionen. Das Kündigungsschutzgesetz, das Betriebsverfassungsgesetz, die Regelungen zur Sozialauswahl und zur Massenentlassung bilden ein dichtes Schutzgeflecht. Die OECD Employment Protection Legislation Indicators (EPL) messen seit Jahrzehnten die Strenge von Entlassungsregelungen in OECD-Ländern. Deutschland gehört bei den kollektiven Entlassungsregelungen konsistent zu den restriktiveren Ländern.

Was Costes Forschung neu einbringt, ist nicht die Qualität des rechtlichen Schutzes, über die politisch gestritten werden kann, sondern die Quantifizierung der Kosten, die dieser Schutz für Unternehmen erzeugt. Diese Kosten waren intern bekannt, wurden aber nie systematisch nach außen gemessen.

Die Innovationskonsequenz: Was diese Kostenkennzahl wirklich bedeutet

Die eigentliche Bedeutung dieser Zahlen liegt nicht in der Vergangenheit, sondern in dem, was sie über zukünftige Investitionsentscheidungen sagen.

Coste beschreibt es so: Bei 7 Monatsgehältern ist Scheitern ein Projekt. Bei 31 Monatsgehältern ist Scheitern eine Katastrophe. Wer Katastrophen fürchtet, beginnt keine Projekte.

Ein deutsches Unternehmen, das ein riskantes Technologieprojekt mit 50 Ingenieurinnen und Ingenieuren startet, trägt im Falle des Scheiterns ein verstecktes Risiko von über 10 Millionen Euro, noch bevor ein einziger Cent in neue Technologie fließt. In der Schweiz wäre dasselbe Risiko unter einer Million Euro.

Costes Vergleich der KI-Investitionen verdeutlicht die Konsequenz: Die KI-Investitionen von SAP seit ChatGPT betragen rund 2 Milliarden Euro. Meta allein investierte rund 250 Milliarden Dollar. Ein Verhältnis von 1 zu 125. Coste bezeichnet das ausdrücklich als Systemfehler, nicht als Managementversagen.

Satya Nadella von Microsoft kündigte 2025 gleichzeitig ein Wachstum von 15 Prozent und 15.000 Entlassungen an und nannte das „the enigma of success“. Wachstum und Umbau sind in den USA kein Widerspruch. In Deutschland sind sie es strukturell oft.

Was hohe Restrukturierungskosten für Deutschland bedeuten

Die politische Debatte über Arbeitsmarktreformen wird auf Jahre angelegt sein. Für Unternehmen, die heute in Deutschland restrukturieren müssen, ist sie keine Hilfe.

Die praktische Konsequenz aus Costes Zahlen ist eine andere: Wer innerhalb des deutschen Rechtsrahmens restrukturiert, muss diesen Rahmen vollständig ausschöpfen. Dazu gehört der systematische Einsatz aller verfügbaren Instrumente: interne Versetzungen, freiwillige Programme, Rentenbrücken und die Netto-Optimierung von Abfindungen. Durch die Kombination steuerlicher Gestaltungsmöglichkeiten wie der Fünftelregelung, Direktversicherungen und Zeitwertkonten können aus derselben Bruttoabfindung bis zu 40 Prozent mehr Netto bei der betroffenen Person ankommen, kostenneutral für das Unternehmen.

Dazu gehört auch: Entscheidungen nicht hinauszuzögern. Denn jeder Monat, in dem eine Restrukturierungsentscheidung aufgeschoben wird, kostet. In Gehältern, in Produktivität, in Vertrauen.

Der TransFair Navigator unterstützt diesen Prozess: strukturierte Entscheidungsgrundlagen, systematischer Optionenvergleich, rechtssichere Umsetzung vom ersten Gespräch bis zum Abschluss. Nicht um das deutsche Arbeitsrecht zu umgehen, sondern um innerhalb seines Rahmens so effizient, fair und schnell wie möglich zu handeln.

Ein Plädoyer für systemische Verantwortung für Restrukturierungskosten

Coste und Coatanlem plädieren nicht für eine liberale Schocktherapie nach amerikanischem Vorbild. Ihr Vorschlag zielt auf eine gezielte Anpassung: Flexicurity angewandt auf die obersten zehn Prozent der Einkommensverteilung, also Ingenieurinnen, Ingenieure und Führungskräfte, die Innovationen vorantreiben, schnell neue Stellen finden und die Hauptleidtragenden eines Systems sind, das für eine andere Ära entworfen wurde.

Ihre Forderung an die Forschung und Politik ist klar: IAB, ZEW, ifo und die zuständigen Ministerien sollten systematische Erhebungen bei Unternehmen beauftragen, um die Kostendaten zu validieren und die Grundlage für eine informierte politische Debatte zu schaffen. Europa hat das Talent. Europa hat das Kapital. Was Europa fehlt, so Coste, ist das Recht, erschwinglich zu scheitern.

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FAQ: Restrukturierungskosten im internationalen Vergleich

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Quellen:

  • Coste, O. & Coatanlem, Y. (2025): Restructuring Costs and Innovation Capacity in Europe. Bocconi University Milan, November 2025. Zugänglich über fesdi.org.
  • ifo Institut (2026): ifo Schnelldienst, Nr. 1/2026. Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung an der Universität München.
  • OECD (2020): Recent trends in employment protection legislation. Kapitel 3 in: OECD Employment Outlook 2020. OECD Publishing, Paris.
  • Rehn, G. (1951/1952): Wirtschaftspolitik bei Vollbeschäftigung. In: LO-Kongress-Dokumente. Zitiert nach: Erixon, L. (2010): The Rehn-Meidner Model in Sweden. European Journal of Economics and Economic Policies, 7(2), 301-341.
  • SEC-Jahresberichte (2022-2024): Ausgewertete Jahresberichte von Meta, Microsoft, Salesforce, Dropbox und weiteren US-Technologieunternehmen.
  • fesdi.org (2026): Foundation for European Strategic & Digital Innovation. Forschungsdaten und Veröffentlichungen von Oliver Coste und Yann Coatanlem.
Jan Brützel
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